Genuss mit gutem Gewissen?

Die Erntezeit hat begonnen – leider immer noch mit schlechtem Lohn und Mindestlohnbetrug

Pressemitteilung DGB RLPS und EVW

01.04.2022

https://rheinland-pfalz-saarland.dgb.de/presse/++co++be355670-b187-11ec-96ec-001a4a160123

Die Erntezeit hat begonnen. Damit einher gehen leider immer noch schlechte Löhne, Mindestlohnbetrug, weniger Sozialschutz und niedrige Arbeitsstandards für Saisonarbeiter. Der Deutsche Gewerkschaftsbund, die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt und der Europäische Verein für Wanderarbeiterfragen fordern, die Rechte der Erntehelferinnen und -helfer nicht erneut auszuhöhlen.

Tausende Erntehelfer*innen – vor allem aus Ost- und Südosteuropa – sind zum Beginn der Erntesaison wieder nach Rheinland-Pfalz gekommen. Sie stechen hier Spargel, ernten Erdbeeren und Gemüse und werden im Herbst bei der Weinlese arbeiten – das dritte Jahr in Folge unter Corona-Bedingungen.

In den vergangenen Jahren hatte CDU-Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner die sozialversicherungsfreie Zeit für Beschäftigte in der Erntehilfe von 70 auf über 100 Tage ausgeweitet. „Was eigentlich Ausnahme für Ferienjobs sein sollte, bedeutete für Saisonarbeitskräfte: fünf Monate Schwerstarbeit ohne soziale Sicherheit, Rentenansprüche und bei vielen – trotz Pandemie – auch ohne Krankenversicherung. Beschäftigung ohne Sozialversicherungspflicht ist ein Freifahrtschein, um bei der Saisonarbeit Rechte der Beschäftigten zu missachten und den Mindestlohn über Lohnabzüge, Akkordarbeit und falsche Arbeitszeiterfassung auszuhöhlen. Keinesfalls darf es dieses Jahr erneut zu einer Ausweitung der sozialversicherungsfreien Zeit kommen“, fordert Susanne Wingertszahn, Vorsitzende des DGB Rheinland-Pfalz / Saarland.

Jörg Senftleben, für die Branche zuständiger Gewerkschaftssekretär der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt ergänzt: „Die Ampel im Bund hat versprochen, dass auch für Erntehelfer*innen Krankenversicherungsschutz ab dem ersten Tag bestehen soll. Diese Regelung muss umgehend kommen, wenn sie für die begonnene Erntesaison greifen soll. Außerdem ist eine umfassende soziale Sicherung der Erntehelfer*innen notwendig.“

„Wir erleben immer wieder, dass Erntehelfer*innen um Ihren Lohn betrogen und ausgebeutet werden. Auch der Arbeitsschutz wird trotz Pandemie viel zu oft ignoriert. Erntehelfer*innen sind besonders schutzbedürftig. Sie kommen oft ohne deutsche Sprachkenntnisse und sind stark von ihren Arbeitgeber*innen abhängig – abgeschottet von der übrigen Gesellschaft. Der Schutz unseres Rechts- und Sozialstaates muss gerade für sie gelten“, stellt Ilena Pfingstgräf-Boros vom Europäischen Verein für Wanderarbeiterfragen heraus.

Wingertszahn ergänzt abschließend: „Wir alle schätzen Spargel und Erdbeeren. Die Politik ist gefordert, damit der kulinarische Genuss auch mit guten Gewissen erfolgen kann.“

Zur Info:

Beratung, Qualifizierung und Unterstützung in arbeit- und sozialrechtlichen Fragen

Mit dem Projekt „Faire Mobilität Rheinland-Pfalz 2022“ bietet der Europäische Verein für Wanderarbeiterfragen kostenlos Beratung und Unterstützung unter anderem für Erntehelfer*innen aus dem europäischen Ausland an.

Beratungsinhalte:

Arbeitsrecht :

  • Arbeitsvertrag
  • Entlohnung
  • Urlaub
  • Kündigung

Sozialrecht:

  • Krankenversicherung
  • Rentenversicherung
  • Unfallversicherung
  • Arbeitslosenversicherung

Kontaktmöglichkeiten

Projektleitung Ileana Pfingstgräf-Borsos
Mobile: 0176 6312 6638

Beratung auf Bulgarisch- Nedka Stockhausen
Mobile: 0151 655 150 76

Beratung auf Polnisch- Joanna Koscielecka
Mobile: 0175 990 6552

Beratung auf Rumänisch /Ungarisch- Krisztina Nemeth
Mobile: 0171 1055 723
www.emwu.org

 

Förderhinweis

Das Projekt wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF+) sowie des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Transformation und Digitalisierung Rheinland-Pfalz (MASTD) und DGB Bezirk Rheinland-Pfalz/Saarland gefördert.